Rudolf Mumprecht I Gedenkausstellung

Vernissage: Donnerstag, 9. Juli 2020

Einführung ca. 18.30 Helen Lagger, Kunsthistorikerin

Beatrix Hauri MUSICA

Zum detaillierten Werkkatalog in unserer Online – Galerie

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Liebe Frau Mumprecht, liebe Marianne, liebe Besucherinnen und Besucher. Ich begrüsse Sie herzlich zur Gedenkausstellung „Mumprecht“ hier in der Galerie Kunstreich. Wir gedenken mit Rudolf Mumprecht, 1918 in Basel geboren, 2019 in Bern verstorben, einem grossen Wortbild-Poeten und Philosophen.

 „Grosse Macht übt das richtige Wort aus. Immer, wenn wir auf eines dieser eindringlichen, treffenden Worte stossen, ist die Wirkung physisch und geistig und blitzartig spontan.“ So lautet ein Zitat des US-amerikanischen Schriftstellers Mark Twain. Es scheint mir zu Mumprechts Werk zu passen – bringt es uns doch dazu, Wörter in ihrer Bedeutung und Sinnlichkeit geradezu zu empfinden, oder wie der Künstler es ausdrückte: „Worte können duften, leuchten, fliegen , tanzen, singen.“ [1]Mumprecht  war ein Künstler, der sich die Welt mittels der Schrift aneignete, der schreibend zeichnete und in vielerlei Hinsicht ein Grenzgänger war: sei es zwischen den Kategorien Bild und Wort sei es zwischen den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch. Mumprecht lebte mehrere Jahre in Paris, in einer Zeit, als dort Kunstgeschichte geschrieben wurde. Er war zwar ein aktiver Mitgestalter seiner Epoche, liess sich allerdings nie von einer Gruppe oder Strömung vereinnahmen.

[1] Urs Zurlinden, aus Gesprächen mit R.M.,Urs Baumann (Hg), Sardische Teppiche, Mumprecht, 1994. S.29.

„Er war stets unterwegs im Örtlichen, wie im Geistigen, im Sinnlichen, wie im Materiellen, Handwerklichen“, beschrieb der Publizist Fred Zaugg den Zustand des sich ständig in Bewegung befindenden Künstlers. [2]Auch thematisch kannte Mumprecht kaum Grenzen, das Leben selbst war seine Inspiration und damit alles, was der Mensch sehen und denken kann. Einige Begriffe kommen immer wieder im Werk des Künstlers vor: Joie, Espoir, Liberté und natürlich amour. „Die einfachsten Dinge des Lebens können nie genug wiederholt werden“[3] –  so begründete Mumprecht seine Vorliebe für Wortwiederholungen. Als „joyeux pessimiste“ – als fröhlichen Pessimisten – bezeichnete sich der Künstler selbst. Sein Werk, sei nicht mitteilend, nicht politisch und nicht analytisch. Einzig der Poesie habe er sich verschrieben. „Vor einer direkten politischen Aussage, habe ich mich immer gehütet. Ich versuche in grösseren Räumen zu denken“, [4]sagte er in den Neunzigerjahren, in einem Gespräch mit dem Kunsthistoriker Markus Landert. Dank diesem Verzicht auf einen expliziten Aktualitätsbezug, bleiben die Bilder Mumprechts von zeitloser Gültigkeit. Losungen wie „pain et paix“ bleiben so wahr wie aktuell: Brot und Frieden gehören zusammen, sie repräsentieren Grundbedürfnisse des Menschen und stehen in wechselseitiger Beziehung. Mumprecht, der in jungen Jahren eine Lehre als Kartograph absolviert hatte, gestaltete seine Kompositionen stets zwingend: Verschiedene Farbklänge sowie das Spiel mit Linien legen immer wieder neue Facetten eines Wortes offen. Wörter, wie das häufig vorkommende „liberté“, sind als Aufforderung zu verstehen. Dabei wird von den Betrachterinnen und Betrachtern Kreativität verlangt. Schauen wird zum mitgestaltenden Akt. Denn Mumprechts Bilder sind interaktiv, sie treten mit uns in einen Dialog. Toi, moi, nous ist ein Beispiel dafür, wie drei scheinbar simple Wörter, zu regelrechten Gedankenkaskaden anzuregen vermögen und von uns ein Echo einfordern – wer bin ich? Wer bist du? Und wer sind wir? – Fragen stehen im Raum, fordern uns heraus allerdings ohne, dass die Werke je ins Didaktische abzurutschen drohen. Que la joie deumeure – Die Freude möge bleiben – oder  courage – Mut – kann man als Aufruf oder Wunsch, sowohl des Künstlers an sich selbst, als auch an die Betrachterinnen und Betrachter verstehen.

[2] Fred Zaugg, Rudolf Mumprecht. Ich bin Zeichner. In: Zaugg, Fred/Eggerm Alexander: Lokaltermin Atelier, Bern, 1988. S. 35

[3] Sieben Fragen – sieben Antworten, Ein Dialog zwischen dem Künstler Rudolf Mumprecht und Jean-Michel Gard. In: Kat. Mumprecht, 50 ans de dessin, Martigny/Olten, 1988, op. Zitiert nach der deutschen Uebersetzung in: Mumprecht, Das geschriebene Bild. Zürich, 1990, S.39,

[4] Zitat aus einem Gespräch mit Markus Landert. In: Stefano Crespi, Markus Landert, Maurice Besset, Rudolf Mumprecht, Locarno, 1992.

Bevor Mumprecht sich ganz dem Wort verschrieb, war er von der symbolistischen Malerei des Berners Ferdinand Hodler inspiriert. In den Nachkriegsjahren widmete er sich kurz dem abstrakten Expressionismus. Seinen charakteristischen Stil, seine ganz im konkreten Sinne zu verstehende Handschrift entwickelte er seit den Sechzigerjahren. „Für mich gibt es keine Wirklichkeit, nur eine Vorstellung dessen, was wirklich sein könnte. Ein Abbild der Wirklichkeit bleibt Illusion, deshalb habe ich das Malen und Zeichnen von Gegenständen und Porträts aufgegeben“, begründete Mumprecht seinen Entscheid für die Schrift. [5]

[5] Urs Zurlinden, aus Gesprächen mit R.M.,Urs Baumann (Hg), Sardische Teppiche, Mumprecht, 1994. S.29.

Mit Wörtern spielen – das liebten auch die Dadaisten. Doch Mumprechts Absicht war eine andere. Die Dadaisten wollten mit zelebriertem Nonsens den Missbrauch, der mit Sprache betrieben wird, aufdecken. Mumprecht hingegen vertraute der Sprache: Es ging ihm darum, den Wörtern Grösse zu verleihen oder ihren Sinngehalt offenzulegen. „Vielleicht“ – Mumprecht trennt das Wort in seiner Darstellung und verweist so darauf, dass der Begriff  aus „viel“ und „leicht“ besteht.  „Amour“ wird durch ein einziges, rotes Farbfeld akzentuiert – es gibt keinen Zweifel daran, wie wichtig und gewichtig dieses Wort ist. Indem Mumprecht Begriffe zu Bildern machte, setzte er auf gegenseitiges Verständnis, auf Kommunikation. Ein abstrakter Begriff wird plötzlich greifbar. Die gewählten Wörter bezeichnen oft Lebenssituationen von allgemeiner Gültigkeit, mit denen wir uns alle identifizieren können. Anfangs der Fünfzigerjahre hatte Mumprecht an der Sorbonne in Paris Vorlesungen des französischen Philosophen Roland Barthes besucht. Barthes, ein so genannter Semiotiker, untersuchte bei seinen Forschungen Zeichen und Sprachprozesse. Das strukturalistische Denken von Barthes hatte Mumprecht nachhaltig geprägt. „Tragödie oder Komödie? Wenn ich eine Arbeit beende, ist eine Struktur vorhanden“, [6]fasste Mumprecht sein Vorgehen zusammen. Für einige Werke stützte der Künstler sich auch auf fremde Textvorlagen und entwickelte dabei seine Bilder in der Auseinandersetzung mit diesen Quellen. Der Bundesbrief ist ein Beispiel für ein Bild, das auf einer Vorlage beruht. Doch bei Mumprecht ist Abschreiben mehr als ein Akt der Nachahmung. Die Wörter werden vom Künstler transformiert und erhalten dabei ein neues, poetisches Dasein. Durch den Einsatz der eigenen Handschrift macht Mumprecht uns das Lesen nicht leichter. Ein schnelles Erfassen ist nicht möglich. Vielmehr muss der Text in einem Prozess entziffert werden. Dadurch wird eine neue Erfahrung und Auseinandersetzung mit etwas Vertrautem möglich.

[6] Urs Zurlinden, aus Gesprächen mit R.M.,Urs Baumann (Hg), Sardische Teppiche, Mumprecht, 1994. S.27.

Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnung“ und „Finnegans Wake“ von  James Joyce waren für Mumprecht Schlüsselwerke. Das leuchtet ein. „Das Prinzip Hoffnung“ entwirft eine konkrete Utopie, worunter Bloch eine real mögliche Gesellschaftsveränderung verstand. Bloch, spricht ähnlich wie Mumprecht, seine Rezipientinnen und Rezipienten als Individuum an, um sie schliesslich an komplexe, philosophische Themen heranzuführen. Auch dass der irische Autor James Joyce Mumprecht beeinflusste, ist nachvollziehbar. Der zwischen 1929-1939 entstandene Roman  „Finnegans Wake“ wurde vom Autor selbst als „Work in Progress“ – als unvollendetes fortlaufendes Werk – bezeichnet. Joyce prägte eine eigene Sprache, fügte Wörter neu zusammen oder mischte sie mit Begriffen aus verschiedenen, anderen Sprachen neu. Die Interpretation des Romans entzieht sich weitgehend, bleibt offen. Den Leserinnen und Lesern enthüllen sich, ähnlich wie beim Betrachten von Mumprechts Sprachbildern, ständig neue Bedeutungen. Der Titel des Romans bezieht sich auf eine Ballade über einen Baumeister, der betrunken von einer Leiter fiel, dabei starb, aber bei seinem Begräbnis, von einer Flasche Whisky wieder belebt, erneut zum Leben erwachte. Die Geschichte kann als Metapher für Aufstieg und Fall der Menschheit gelesen werden. Wie in Mumprechts Bildern offenbart sich bei Joyce hinter einer individuellen Geschichte, die Geschichte der Welt. Auch die Faszination für das vielleicht mysteriöseste aller philosophischen Themen – dasjenige der Zeit –  teilte Mumprecht mit Joyce. Das ständige Voranschreiten der Zeit wird vom Künstler mit Begriffen wie „stamattina“, „Sette per sette“ , „aujourd’hui“ oder dem musikalisch klingenden „dopodomoni“ versinnbildlicht. Der Tatsache, das kein Tag länger als vierundzwanzig Stunden dauert, verlieh Mumprecht mit den Begriffen „midi“ und „minuit“ Ausdruck.

 

Das in manchen Arbeiten allein stehende„M“ bringt man natürlich unweigerlich mit dem Namen Mumprecht Verbindung, man liest es als Signatur des Künstlers. Für ihn selbst war „M“ aber auch der Anfangsbuchstabe von Magma, Makkaroni, Mannequin, Manta, Maske, Matador, Maximum und so weiter oder stand für „M“ wie „monde“ – für die Welt schlechthin. [7] „Das Ohr zur Welt“ – das war für Mumprecht die Musik. Die Wörter „Auge“ „Ohr“, „corps“ ergänzen einen Globus, der seinerseits Wörter enthält. Ganze Partituren, Noten, Notenlinien oder Taktstriche findet man in seinen Bildern. Es sind verspielte Klangexperimente eines Improvisators. Wie Ernst Bloch, glaubte Mumprecht  nicht nur an die Kraft von Musik, Sprache und Bild sondern auch an „Espoir“ – an das Prinzip Hoffnung. Doch er sagte auch:

[7] Edmond Charrière, Mumprecht, Bibliothèque insolite, Benteli Verlag, 2001, Bern, S.10.

„Lieber zeichne und schreibe ich Worte, als warten auf eine bessere Welt. Handschrift –mit der Hand arbeiten – das Wort, die Sprache kann ein Leben erfüllen. [8]

[8] Urs Zurlinden, aus Gesprächen mit R.M.,Urs Baumann (Hg), Sardische Teppiche, Mumprecht, 1994. S.28.

Mumprechts Sprache, war eine Poetische. Und deshalb möchte ich hier mit einem Gedicht des Künstlers enden, das sein  Schaffen nochmals wunderbar zusammenfasst:

 Poésie espoir

Joie vie amour

Lumière liberté

Dessin gravure écriture

Pour un monde plus juste[9]

[9] Auszug aus: Rudolf Mumprecht, Poesie, in Mumprecht, das geschriebene Bild, Zürich, 1990, S.29

Helen Lagger, Kulturjournalistin